Vom Blick zurück

„Egal wie sehr du hadern magst,
Mit diesem Jetzt und Hier.
Die Antwort, die du suchst, liegt noch vor Dir.
Geh diesen Weg.
Dreh nicht wieder um.
Geh ihn bis zum Schluss.
Ein Weg der gegangen werden muss.
Es ist nicht mehr weit.
Geh noch dieses Stück.
Und lass dich bitte nicht zurück. „

(Van Canto – Neuer Wind)

Ich behaupte von mir, schon immer eine sexuell sehr offene Person gewesen zu sein. Und ja, ich meine wirklich von Anfang an. Bei meinem ersten Mal hatte ich meine Periode. Etwas, was für viele ein No-Go beim Sex ist. Bei meinem zweiten Mal Sex hatte ich das Bedürfnis, meinem Partner etwas zurückgeben zu wollen. Also gab ich ihm einen Blowjob. Auch das ist für einige Frauen etwas, dass sie nicht machen wollen oder es kostet sie Überwindung, vor allem so früh.
Und ich hatte stets die Devise leben und leben lassen. Oder wie ich es gern ausdrücke “jedem seinen Fetisch”.
Trotzdem hatte ich einen Wandel, ich entdeckte meine BDSM Neigung. Darüber schreibe ich hier und auch über den Weg dahin kann man im Blog lesen. Was ich in diesem Beitrag thematisieren möchte ist der Wandel der Gedanken, bzw. den Kontrast von vorher und nachher.
Damit meine ich allerdings eine Lücke von mehreren Jahren, also bedenkt beim Lesen, dass ich bei meinen Vorher-Gedanken teilweise wirklich noch sehr jung war und ich auch Vorurteile thematisiere. Denn ich blieb von diesen nicht immer verschont.

Zunächst hatte ich früher eine ganz andere Vorstellung von BDSM. Ich habe mich zugegebenermaßen nicht wirklich darüber informiert, hatte aber aufgrund meiner Offenheit durchaus Gespräche mit BDSMlern. Mein Standpunkt damals war, dass ja etwas Kratzen, leichte Bisse oder auch mal ein festerer Schlag auf den Po schon ganz nett seien, aber das würde mir dann schon reichen. Mehr tut doch so weh. Allein die Vorstellung von so etwas wie Nippelklemmen oder eine Peitsche… Mir hat das damals einen Schauer über den Rücken gejagt.

Oke, das tut es heute auch noch, aber einen wohligen Schauer.
Ich habe damals eben nur den S/M-Aspekt gesehen, vielleicht noch Fixierung mittels Handschellen oder Ähnlichem. Durch die Gespräche habe ich schon mitbekommen, dass es eine sehr tiefe Verbindung zwischen zwei Menschen gibt, die gemeinsam BDSM ausleben und mir war durchaus bewusst, dass man seinem Partner dafür extrem vertrauen muss. Auch Dinge wie ein Safeword und Sicherheit waren mir ein Begriff. Eben das, was man unter SSC zusammenfasst, auch wenn mir diese Abkürzung damals noch nicht geläufig war.
Der Aspekt, der mir gänzlich fehlte und der für mich BDSM heute erst komplett macht, war D/S. Das Machtgefälle, die Erniedrigung, Demütigung und z.B. der Begriff des Subspace. Und mir ist klar, dass es auch viele gibt, die quasi einen Schwerpunkt haben und der liegt dann vielleicht mehr im S/M-Bereich. Ich spreche hier nur für mich und meine Sichtweise, das sollte eigentlich klar sein.

Ich wusste also von alldem nichts und doch gab ich mich beim Sex schon immer gerne vollkommen hin. BDSM war für mich damals nur diese verrückte Fetischwelt voller Lustschmerz und teilweise coolen, teilweise nicht so coolen Outfits. Und ich habe es jedem gegönnt, der daran Freude fand, aber es stand fest: Für mich ist das nichts.
Wenn ich nun zurückblicke, kann ich darüber nur den Kopf schütteln. Hätte ich mich schon früher ausführlich informiert, dann hätte einiges anders sein können. Allerdings bin ich auch ganz froh darüber, wie sich bei mir alles entwickelt hat. Es hat mich und meinen Charakter geformt und ich bin heute sehr glücklich, so wie ich bin.

Wenn ich mich an die damaligen Gespräche erinnere, dann erinnere ich mich vor allem an ein zögerndes, zurückhaltendes Bild von mir. Wer mich persönlich kennt, kann sich das sicher kaum vorstellen. Aber so war es. Ich habe meinem Gegenüber teilweise zugestimmt, doch habe dann immer Sachen hinzugefügt die mit “ja, aber…” begannen. Zum Beispiel “Ja, das Gefühl kenne ich auch, aber für mich reicht dann schon viel weniger.” Da ich das Glück hatte, sehr tolerante Leute zu kennen, haben sie meist erwidert, dass das ja auch vollkommen okay sei. Und damit hatten sie Recht. Ich würde es heute ganz genauso machen. Man sollte das Thema niemandem aufdrängen, damit ist keinem geholfen.

Jedenfalls war es für mich eindeutig, dass es zwar schon ein interessantes Gesprächsthema ist, aber nichts, mit dem ich mich aktiv befassen wollte. Ich hatte ein Vorurteil, ich habe das alles als ein reines Verhältnis von Sadismus und Masochismus abgestempelt. Manchmal kam etwas Neid auf, auf diese tiefe Verbindung, diese ganz besondere Chemie zwischen Dom und Sub. Diese habe ich allein auf das Vertrauensverhältnis bezogen.
Diese beiden Vorurteile haben mein damaliges Bild von BDSM geprägt und sie sind keinesfalls negativ. Auch ist nichts direkt Falsches daran, S/M ist ein Aspekt des Ganzen und das Vertrauen zueinander ist unfassbar wichtig. Aber beides ist nur ein Teil des großen Gesamtbildes.
Wer sich also möglicherweise in einer Findungsphase befindet oder aber einfach über das Thema mitreden will, der sollte sich möglichst ausführlich darüber informieren. Sei es über Blogs wie diesen oder andere, Podcasts, Foren, persönliche Gespräche (wenn möglich) oder oder oder.. Es gibt so viele Möglichkeiten, bitte nutzt sie. Beleuchtet jeden Aspekt, beschäftigt euch mit den verschiedensten Perspektiven, seid aufgeschlossen und dabei respektvoll. Dann findet ihr euren Weg, ob er euch nun zum BDSM führt, nur zu einem Teil davon oder auch zu gar nichts.

Ich bin meinem Selbst heute um einiges bewusster und ich weiß, mein Weg ist noch lange nicht beendet. Vielleicht gehe ich einfach immer weiter, denn man lernt schließlich nie aus. Ich glaube, man versucht unterbewusst doch irgendwie alles einzuordnen, aber wenn ich euch etwas mitgeben möchte mit diesem Beitrag, dann ist das Folgendes:
Seid selbstreflektiert und auch wenn es nicht negativ ist, versucht ab und zu eure gedanklichen Schubladen aus dem Schrank zu reissen und auszukippen. Sortiert sie neu oder seid zufrieden mit dem bunten Chaos, ganz wie es euch beliebt. Man weiß nie, was man dabei findet.

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